Freitag, 20. Mai 2011

Die Garbo bei Piet Mondrian

Um vier Uhr nachmittags bin ich mit Ingrid verabredet, im Mondrian, einer Kneipe in Moers. Von der Straße her schaut mich schließlich eine sehr kleine Frau mit kleinem Gesicht und riesiger Sonnenbrille an. "Ich dachte, ich sollte am besten aussehen wie Greta Garbo, wenn wir dort ankommen", ruft sie mir mit ihrer dröhnenden Stimme, die viel zu mächtig scheint für diese kleine Frau, über die Tische hinweg zu. "Damit sah ich doch schon 1969 total geil aus!" Passt schon, denke ich.
Morgen soll es losgehen nach Stockholm, und von dort aus ins Dorf ihrer Kindheit. Es war das Abschiedsgeschenk ihrer Kollegen, zum Ausstand. Bei der Überreichung wurde sie fast ohnmächtig. Und auch jetzt ist die fast vollständig hinter ihrer Sonnenbrille versteckte Ingrid Garbo ein Nervenbündel. Ich habe leise Zweifel, ob es gut für sie ist nach all den Jahren – ein perfekt bewahrter Traum könnte an der plötzlich hereinbrechenden Realität zerbrechen. Und noch weiß ich nicht, ob wir jemanden von damals finden werden. Bei Rudi Carell (ich habe die ganze Zeit seinen Gesang im Kopf, "Lass dich überraschen...") wurden ja die Wiedersehen immer von unsichtbaren Helfern vorbereitet, in der Sendung waren dann auf einmal alle da. Ich kann mich aber an keine Carell-Show erinnern, in der 52 Jahre seit dem letzten Treffen der Beteiligten vergangen waren. Und da Rudi leider aufgehört hat, musste ich Carell spielen - mit der Hilfe einiger findiger Kolleginnen, von denen eine sogar eine Frau Elin Andersson ausfindig machen konnte, eine Adresse: Das Altenheim in Tranemo, einem Nachbarort. Die Frau ist 97 Jahre alt, und ich weiß nicht, ob sie die Elin Andersson ist, die wir suchen.
Ingrid und ich trinken zum Tagesausklang Sekt und schlafen beide kaum. Frühmorgens geht unser Flieger. Ingrid ist seit 1979 nicht mehr geflogen und hat Deutschland seither nur zweimal verlassen.

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