„Diese Schande!“ rief ihre Mutter, griff einen Stuhl und schlug ihn ihr auf den Rücken. Sie war schwanger. 1967, mit achtzehn. Der Vater des Kindes war abgetaucht, bevor er auftauchen konnte. Sie war immer ein kleines, schmächtiges Mädchen gewesen, ein Mädchen wir Twiggy. Auch als sie achtzehn war und schwanger, blieb sie schmächtig. Der Stuhl krachte auf ihren Rücken.
Sie bekam das Kind, und wenn ihr Leben vorher schon nicht leicht gewesen war, wurde es dadurch erst recht schwer. Das Mädchen und seine Mutter lernten einander nie recht lieben, und die Mutter verzieh ihr nie, dass sie Schande über die Familie gebracht hatte. Und das Leben sollte noch weitere Stühle über ihrem Rücken zerschlagen.
Es gibt eine Theorie, die besagt, dass wir in unserer Kindheit einen starken, unerschütterlichen Halt brauchen, einen Ort oder einen Menschen, der uns Vertrauen und Liebe gibt, und dass dieser Halt uns im gesamten weiteren Leben helfen kann, nicht zu verzweifeln, auch an den schwersten Schlägen nicht zu zerbrechen. Auch wenn man uns einen Stuhl über den Rücken schlägt. Ein Paradies im wahrsten Sinne: Einen Ort, an dem alles rein und frei von jedem Kummer ist.
Ingrid hat so einen Ort, und ich glaube, er stärkte sie ihr ganzes nicht immer einfaches Leben lang. Sie erzählte mir von diesem Ort, als sie ihn schon 30 Jahre verlassen hatte. Ingrids Paradies war ein winziges Dorf in Südschweden. Sie erzählte mir all die Jahre davon, mein ganzes Leben, denn so lange kenne ich sie. In meinem Bild war immer ein Kopf von der kleinen, blonden Ingrid auf einem Heuwagen in Schweden, einem Land, das ich nicht kannte.
Ich heiße Ingrid Pott, stand auf dem Schild, das dem kleinen, dürren blonden Mädchen um den Hals gehängt worden war, das 1954 auf dem Bahnhof von Boras stand und darauf wartete, dass seine Gasteltern es abholten. Die kleine Ingrid kam aus dem immer noch bombennarbigen Berlin, die Mutter schimpfte viel und hatte viel Kummer, und Ingrid war so dünn, dass die Leute sich Sorgen machten. Die Mutter fragte beim Pfarrer nach, es gab doch diese Kinderlandverschickung. Ja, Ingrid dürfe mitfahren, sagte der Pfarrer. Die Kinder wurden nach Schweden gebracht, einen Sommer oder ein Jahr lang, zum Aufpäppeln. In die gute Landluft, weg aus den kargen, grauen deutschen Städten, wo viele Väter fehlten.
Am Bahnhof von Boras wurde die kleine Ingrid mit dem Schild um den Hals schließlich von Elin und Henry abgeholt. Tante Elin und Onkel Henry, Herr und Frau Andersson aus Sjötofta, wo außer den Anderssons noch die Karlssons und die Nilssons wohnten. Ich kenne ein Foto, das den Sohn von Karlssons auf einem Pferd zeigt, einem mächtigen Kaltblut. Unweigerlich denke ich an Bullerbü, warum ist Schweden nur mit so vielen literarischen Klischees besetzt? Entweder es wird gemordet und ermittelt oder es wird auf dem Heuwagen gefahren und in der Scheune geschlafen. Für Ingrid sollte es Bullerbü werden, ein Ort, den sie so sicher und detailgetreu in ihrer Erinnerung verwahrte, dass sie noch nach fünfzig Jahren daraus vorzulesen weiß wie aus einem Buch.
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