Sonntag, 22. Mai 2011

Schwere Türen in Stockholm


Bevor die eigentliche Erinnerungsreise losgeht, haben wir einen Tag Aufenthalt in Stockholm. Die Stadt erschlägt vor allem Ingrid ein wenig, die einfach keine größeren Städte gewohnt ist mit entsprechend längeren Wegen und mehr Verkehr. Wir beide merken, dass wir nicht recht auf Tourismus eingestellt sind, sondern angespannt warten auf das, was uns morgen vierhundert Kilometer südlich von hier erwartet.
Ingrid möchte am liebsten sofort Köttbullar und Roggenpap essen wie 1954 bei Tante Elin. Sie ist entrüstet, dass es zwar überall Sushi und Thai-Food gibt, aber weit und breit keine Köttbullar, und ebenso fassungslos, als wir am nächsten Morgen, statt dampfenden Pap serviert zu bekommen („Da ist in der Mitte ein Loch, und da kommen die kleinen roten Beeren rein – da kannste dich dran totessen!“), uns die fertig belegten Brötchen selbst aus dem Hotelkühlschrank nehmen müssen. Unser erstes schwedisches Mittagessen nehmen wir schließlich beim Italiener ein. „Also, die Calzone macht er aber gut“, erkennt Ingrid immerhin an.
Unser Hotelbett misst 1,20 Meter in der Breite. Aus meiner Buchung ging wohl nicht klar hervor, dass wir zu zweit sind. Es stand aber auch nirgendwo auf der Website, dass „Budget double room“ heißt, dass in diesem room vor allem am Bett das budget eingespart wurde. Die Matratze ist zudem so weich, „als würdste auf so’m Mäusespeck schlafen, wie so’n Marshmallow“. Wir passen also beide auf, uns in der Nacht nicht zu viel zu bewegen. Unsere Zimmertür, die Hoteltür und eigentlich alle Türen, mit denen wir es auf der Reise zu tun bekommen, sind zentnerschwer. Als würde hier in Schweden Wert darauf gelegt, dass die Leute sich langsam und bedächtig ein und aus bewegen.

Aus einer anderen Zeit


Allein die Bilder, sie sehen aus wie von den Dreharbeiten eines Astrid-Lindgren-Films. Es sind Bilder, die von Glück erzählen und von ländlicher Idylle. Henry, der den gerade im Bach gefangenen Fisch hochhält. Henry und sein Sohn Bengt, die mit Sensen Heu mähen. Die kleine Ingrid zwischen Elin und deren Mutter Jenny. Dann Bilder von Ingrids zweitem Aufenthalt 1960: Henrys zweiter Sohn Åke mit seiner späteren Frau, auch sie heißt Ingrid, die beiden sind jung und offenbar bis über beide Ohren verliebt. Beim Lesen auf der Wiese legt er ihr zärtlich und wie beiläufig die Hand auf die Schulter. All diese Fotos hat Elin Ingrid geschickt, als die lange schon wieder in Deutschland war und selbst schon eine junge Frau. Sie schrieben sich bis Ende der sechziger Jahre, Elin fragte immer wieder: Wann kommst du? Ingrid kam nicht. Aus Angst, ihr Traum könnte entzaubert werden. 1969 schließlich, Ingrid hatte inzwischen ihren kleinen Sohn, verlor sich der Kontakt.
Wenn ich diese Bilder sehe und immer wieder Ingrids Geschichten dazu höre, fühle ich mich selbst fast schon wie eine Teil dieser Geschichte, die doch nicht meine ist. Ingrids detaillierte Erzählungen und die Bilder verfangen seltsam stark, wohl weil es die Bilder einer perfekten Kindheit sind.

Freitag, 20. Mai 2011

Die Garbo bei Piet Mondrian

Um vier Uhr nachmittags bin ich mit Ingrid verabredet, im Mondrian, einer Kneipe in Moers. Von der Straße her schaut mich schließlich eine sehr kleine Frau mit kleinem Gesicht und riesiger Sonnenbrille an. "Ich dachte, ich sollte am besten aussehen wie Greta Garbo, wenn wir dort ankommen", ruft sie mir mit ihrer dröhnenden Stimme, die viel zu mächtig scheint für diese kleine Frau, über die Tische hinweg zu. "Damit sah ich doch schon 1969 total geil aus!" Passt schon, denke ich.
Morgen soll es losgehen nach Stockholm, und von dort aus ins Dorf ihrer Kindheit. Es war das Abschiedsgeschenk ihrer Kollegen, zum Ausstand. Bei der Überreichung wurde sie fast ohnmächtig. Und auch jetzt ist die fast vollständig hinter ihrer Sonnenbrille versteckte Ingrid Garbo ein Nervenbündel. Ich habe leise Zweifel, ob es gut für sie ist nach all den Jahren – ein perfekt bewahrter Traum könnte an der plötzlich hereinbrechenden Realität zerbrechen. Und noch weiß ich nicht, ob wir jemanden von damals finden werden. Bei Rudi Carell (ich habe die ganze Zeit seinen Gesang im Kopf, "Lass dich überraschen...") wurden ja die Wiedersehen immer von unsichtbaren Helfern vorbereitet, in der Sendung waren dann auf einmal alle da. Ich kann mich aber an keine Carell-Show erinnern, in der 52 Jahre seit dem letzten Treffen der Beteiligten vergangen waren. Und da Rudi leider aufgehört hat, musste ich Carell spielen - mit der Hilfe einiger findiger Kolleginnen, von denen eine sogar eine Frau Elin Andersson ausfindig machen konnte, eine Adresse: Das Altenheim in Tranemo, einem Nachbarort. Die Frau ist 97 Jahre alt, und ich weiß nicht, ob sie die Elin Andersson ist, die wir suchen.
Ingrid und ich trinken zum Tagesausklang Sekt und schlafen beide kaum. Frühmorgens geht unser Flieger. Ingrid ist seit 1979 nicht mehr geflogen und hat Deutschland seither nur zweimal verlassen.

Der Stuhl


„Diese Schande!“ rief ihre Mutter, griff einen Stuhl und schlug ihn ihr auf den Rücken. Sie war schwanger. 1967, mit achtzehn. Der Vater des Kindes war abgetaucht, bevor er auftauchen konnte. Sie war immer ein kleines, schmächtiges Mädchen gewesen, ein Mädchen wir Twiggy. Auch als sie achtzehn war und schwanger, blieb sie schmächtig. Der Stuhl krachte auf ihren Rücken.
Sie bekam das Kind, und wenn ihr Leben vorher schon nicht leicht gewesen war, wurde es dadurch erst recht schwer. Das Mädchen und seine Mutter lernten einander nie recht lieben, und die Mutter verzieh ihr nie, dass sie Schande über die Familie gebracht hatte. Und das Leben sollte noch weitere Stühle über ihrem Rücken zerschlagen.
Es gibt eine Theorie, die besagt, dass wir in unserer Kindheit einen starken, unerschütterlichen Halt brauchen, einen Ort oder einen Menschen, der uns Vertrauen und Liebe gibt, und dass dieser Halt uns im gesamten weiteren Leben helfen kann, nicht zu verzweifeln, auch an den schwersten Schlägen nicht zu zerbrechen. Auch wenn man uns einen Stuhl über den Rücken schlägt. Ein Paradies im wahrsten Sinne: Einen Ort, an dem alles rein und frei von jedem Kummer ist.
Ingrid hat so einen Ort, und ich glaube, er stärkte sie ihr ganzes nicht immer einfaches Leben lang. Sie erzählte mir von diesem Ort, als sie ihn schon 30 Jahre verlassen hatte. Ingrids Paradies war ein winziges Dorf in Südschweden. Sie erzählte mir all die Jahre davon, mein ganzes Leben, denn so lange kenne ich sie. In meinem Bild war immer ein Kopf von der kleinen, blonden Ingrid auf einem Heuwagen in Schweden, einem Land, das ich nicht kannte.
            Ich heiße Ingrid Pott, stand auf dem Schild, das dem kleinen, dürren blonden Mädchen um den Hals gehängt worden war, das 1954 auf dem Bahnhof von Boras stand und darauf wartete, dass seine Gasteltern es abholten. Die kleine Ingrid kam aus dem immer noch bombennarbigen Berlin, die Mutter schimpfte viel und hatte viel Kummer, und Ingrid war so dünn, dass die Leute sich Sorgen machten. Die Mutter fragte beim Pfarrer nach, es gab doch diese Kinderlandverschickung. Ja, Ingrid dürfe mitfahren, sagte der Pfarrer. Die Kinder wurden nach Schweden gebracht, einen Sommer oder ein Jahr lang, zum Aufpäppeln. In die gute Landluft, weg aus den kargen, grauen deutschen Städten, wo viele Väter fehlten.
Am Bahnhof von Boras wurde die kleine Ingrid mit dem Schild um den Hals schließlich von Elin und Henry abgeholt. Tante Elin und Onkel Henry, Herr und Frau Andersson aus Sjötofta, wo außer den Anderssons noch die Karlssons und die Nilssons wohnten. Ich kenne ein Foto, das den Sohn von Karlssons auf einem Pferd zeigt, einem mächtigen Kaltblut. Unweigerlich denke ich an Bullerbü, warum ist Schweden nur mit so vielen literarischen Klischees besetzt? Entweder es wird gemordet und ermittelt oder es wird auf dem Heuwagen gefahren und in der Scheune geschlafen. Für Ingrid sollte es Bullerbü werden, ein Ort, den sie so sicher und detailgetreu in ihrer Erinnerung verwahrte, dass sie noch nach fünfzig Jahren daraus vorzulesen weiß wie aus einem Buch.